Analyse, Kritik und Gegenkritik: Christoph Heiligs Kommentar zum ARTE-Film

Eigentlich gehört an diese Stelle eine Inhaltsangabe des Films. Darauf habe ich aber verzichtet, weil in einem kritischen Beitrag zu dem Film, den ich analysiert habe, eine durchaus brauchbare Inhaltsangabe zu finden ist. Hier möchte ich nur kurz meine Einschätzung des Films darstellen.

Die Autoren Moers und Papenbroock haben nach eigenen Angaben zwei Jahre lang für den Beitrag recherchiert. Der Inhalt des Films macht das deutlich: er enthält kaum inhaltliche Fehler, die relevanten Positionen werden dargestellt und wichtige Autoren, die in der fachspezifischen Diskussion eine Rolle spielen, treten im Film auf. Aus der Art der Präsentation dieser Personen kann man schließen, dass es sich meist um Interviews handelt, welche die Filmemacher mit diesen Personen geführt haben. Auch die inhaltiche Darstellungen der verschiedenen Positionen zeugen davon, dass die Autoren sich umfassend informiert haben. Insgesamt handelt es sich um den besten Film zum Thema religiöse Evolutionskritik, den ich kenne

Trotzdem sehe ich den Film nicht als gelungen an. Das liegt daran, dass hier eigentlich mehrere Filme in einem zusammengefasst sind. Recht ausführlich wird dargestellt, dass an zwei Gießener Schulen kretionistische Inhalte im Unterricht behandelt wurden. Auch auf Kreationismus im engen Sinn wird eingegangen, indem die Aktivitäten von Answers in Genesis (AIG), der größten kreationistischen Organisation, dokumentiert werden. Außerdem wird auch noch Intelligent Design (ID) behandelt, und zwar sowohl die ID-Bewegung als auch die Inhalte der dahinter stehenden ‘Theorie’. Die Autoren hätten problemlos aus jedem dieser Themen einen eigenen Film machen können, der dann, für sich alleine betrachtet, vermutlich hervorragend gelungen wäre.

Das Problem entsteht dadurch, dass die Autoren durch die Vermischung der Ebenen zu Aussagen gelangen, die bei näherer Betrachtung nicht mehr zutreffen. Es ist durchaus erschreckend, zu sehen, mit welcher Selbstsicherheit die im Film als Beispiel für typische Kreationisten vorgestellten AIG-Mitglieder Positionen vertreten, die, falls sie zuträfen, die wichtigsten inhaltlichen Grundlagen der modernen Naturwissenschaften zerstören würden. Niemand kann beispielsweise ein Alter der Erde im Bereich von wenigen Tausend Jahren vertreten ohne die Grundlagen der Physik neu zu definieren. Selbstverständlich gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass eine derartige Revolution erfolgt sein könnte. Sollten derartige Auffassungen in der Schule unterrichtet werden, wäre das in der Tat ein Rückschritt in finsterste Zeiten.

Vollkommen anders sieht es mit Intelligent Design aus: diese Auffassung macht keine Aussagen zu derartigen Themen und versteht sich als eine Wissenschaft, die nach Design-Signalen in der Natur sucht. Man kann zwar mit guten Gründen vertreten, dass ID seinen Anspruch bei weitem nicht einlösen kann. Bevor ID einfordern kann, in der Diskussion berücksichtigt zu werden, hat es noch einen weiten Weg vor, wobei zurzeit eher unwahrscheinlich ist, dass er überhaupt zum Ziel führen kann. Aber selbst wenn ID in der derzeitigen Form anerkannt würde, hätte das kaum erkennbare Folgen auf die Praxis der Naturwissenschaften und mögliche Erkenntnisse, eben deshalb, weil es inhaltlich so gut wie nichts aussagt. Alle Ergebnisse der Forschung würden so bleiben wie bisher, auch an der Methodik der Forschung würde sich nichts ändern. Was allerdings zerstört würde, ist ein durchgehend naturalistisches Weltbild. Bevor man diesen äußerst erfolgreichen Rahmen der Forschung aber aufgeben sollte, müssen dessen Gegner wesentlich gewichtigere Argumente aufführen können, als das zurzeit der Fall ist. In meinen Augen ist ID nicht wegen seiner Inhalte gefährlich, sondern deshalb, weil es von religiös motivierten Evolutionsgegnern als ‘Keil’ eingesetzt wird, um einen Platz für den Christengott zu schaffen.

Wenn man nun ID als Kreationismus bezeichnet bzw. beide Positionen in einem Atemzug nennt, versucht man implizit die Argumente gegen Kreationismus auf ID anzuwenden. Das kann aber nicht funktionieren, denn beide Auffassungen vertreten vollkommen verschiedene Standpunkte. Die Diskussion zerfasert dann und eröffnet den Evolutionsgegnern viele Nebengleise, die man tunlichst vermeiden sollte.

Aus den genannten Gründen ist eine Beurteilung des Films sehr komplex und das drückt sich auch in der Kritik aus, den dieser Film von Seiten der deutschen Evolutionsgegner erfahren hat. Christoph Heilig hat eine recht umfassende Kritik an diesem Film geübt, die meiner Meinung nach aber von falschen Voraussetzungen ausgeht. Heiligs Darstellung eignet sich aber gerade deshalb recht gut dazu, die aktuelle Position der wichtigsten Evolutionsgegner in Deutschland, der Studiengemeinschaft Wort und Wissen, in Form einer Gegenkritik zu hinterfragen. Ich habe mit Heiligs Einverständnis dessen Text von seinem BLOG übernommen und mit Anmerkungen versehen. Sie finden hier meine Gegenkritik.

Eine Reaktion zu “Analyse, Kritik und Gegenkritik: Christoph Heiligs Kommentar zum ARTE-Film”

  1. ChristopherSaint

    Ich wollte mich nur mal auf deinem Blog melden und darauf hinweisen, dass ich deine Kritik an meiner ARTE - Besprechung für sehr gelungen und fair halte. Nichtsdestotrotz werde ich einige Punkte, wie ja bereits besprochen, selbst wieder besprechen und nochmal aufgreifen. Aufgrund wenig vorhandener Zeit im Moment, könnte dies jedoch noch bis Weihnachten dauern. Bis dahin habe Geduld und mache viele Leute auf deinen sehr gut gelungenen Blog auferksam… [was ich hier sehe, zusammen mit den von dir bereits genannten Argumenten bezüglich der Sinnesphysiologie, lässt mich schon schwer darüber nachdenken, ob ich das W/B Verhhältnis auf meinem Blog nicht auch auswechseln sollte… ;-) ]

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