Forderungen der Evolutionsgegner an den Biologieunterricht

Evolutionsgegner haben schon immer Wert darauf gelegt, den Lehrplan zu beeinflussen. Hier in Deutschland haben die meist christlich motivierten Evolutionsgegner nicht das Problem, das die amerikanischen Evolutionsgegner haben: in der Schule dürfen religiöse Inhalte gelehrt werden. Das erfolgt aber meist im Religionsunterricht, der für solche Themen den richtigen Rahmen liefert.

Im Lauf der Zeit haben die Evolutionsgegner aber auch hierzulande verschiedene Forderungen an den Biologie-Unterricht gestellt.

Phase 1: Gleiche Unterrichtszeit für Kreationismus und Evolutionsbiologie (‚equal time‘)

Damals, in den 1970er-Jahren, meinten Kreationisten noch, in Form des ‚scientific creationism‘ eine gleichwertige Alternative zur naturalistischen Evolution formulieren zu können. Sie gingen davon aus, dass sie ihre grundlegenden Auffassungen, also eine junge Erde, eine weltweite Flut und eine gleichzeitige Erschaffung aller Lebensformen in einer Woche, mit den Methoden der Naturwissenschaften beweisen können. Sie forderten daher, dass dem ‚scientific creationism‘ im Unterricht dieselbe Zeit eingeräumt wird, die für die Evolutionstheorie verwendet wird.

Heute wird diese Auffassung, soweit mir bekannt, nicht mehr vertreten. Außerhalb einer kleinen Gruppe von überzeugten Kreationisten nimmt niemand mehr die Behauptung, man könne mit naturwissenschaftlichen Methoden beispielsweise zeigen, dass die Erde jung ist oder dass alle Lebensformen gleichzeitig erschaffen wurden, ernst. Es dürfte offensichtlich sein, dass ein Gedankengebäude wie der ‚scientific creationism‘ keinen Platz im Lehrplan für das Fach Biologie hat.

Phase 2: Darstellung der wissenschaftlichen Kontroverse über Evolution (‚teach the controversy‘)

Diese Forderung wurde vor allem von Vertretern des ‚Intelligent Design‘ (ID) gestellt. Sie behaupteteten, dass mit wissenschaftlichen Methoden aufgezeigt werden kann, dass eine Evolution nicht ohne Eingriffe eines Designers erfolgen kann. Es sollte daher Aufgabe der Schule sein, diesen innerwissenschaftlichen Konflikt zu vermitteln.
Es wurde aber schnell offenbar, dass kaum ein Wissenschaftler bemerkte, dass eine derartige Kontroverse überhaupt existierte. Eine nicht existierende Kontroverse ist nun wirklich kein Thema für den Biologie-Unterricht. Die Forderung wurde daher nochmals revidiert.

Phase 3: Behandlung von inhaltlichen Problemen der Evolutionsbiologie (‚teach the problems‘)

Selbst wenn keine Kontroverse innerhalb der Evolutionsbiologie über die Tatsache einer Evolution stattfindet, so kann man doch feststellen, dass es einen Streit über bestimmte Details gibt. Beispiele für solche Kontroversen sind beispielsweise die Diskussion über Artbegriffe, den Ansatz der Selektion, die Frage, ob Evolution gradualistisch oder nicht verläuft und so weiter. Diese offenen Fragen bzw. Kontroversen sollen nun in der Schule behandelt werden. Von den Evolutionsgegnern wird aber meist nicht darauf hingewiesen, dass diese Probleme in der Fachwelt nicht dazu führen, dass die Möglichkeit einer naturalistischen Evolution infrage gestellt wird. Ein Grund, derartige Probleme im Unterricht zu behandeln, könnte sein, dass so kritisches Denken gefördert werden kann.

Die Schule ist aber der denkbar ungeeignetste Ort, derartige Debatten darzustellen. Es macht keinen Sinn, in der Schule Sachverhalte zu diskutieren, über die sich nicht einmal Fachleute einigen können. Aufgabe der Schule ist vielmehr, das zu vermitteln, was in der ‚scientific community‘ als gesichertes Wissen gilt. Erst auf der Basis dieser Kenntnisse können dann die offenen Fragen behandelt werden. Sollte hinreichend Zeit zur Verfügung stehen, bieten sich derartige Diskussion selbstverständlich an. In jedem Fach, nicht nur in der Biologie.

4 Reaktionen zu “Forderungen der Evolutionsgegner an den Biologieunterricht”

  1. nabil

    Soweit ich mich an meine Schulzeit erinnere, habe ich der “Abstammungslehre” nie Glauben geschenkt. Vermutlich auch deshalb nicht, weil mir ein fertiges Weltbild serviert wurde. Der Biologielehrer war für mich eben ein “Ungläubiger” und damit gab es für mich keinen Grund mehr, ihn ernst zu nehmen.

    Wie auch in Deinem Forum deutlich wird, ist Evolution eben alles andere als klar. Man mag die den fossilen Befund so interpretieren, dass man sich ermächtigt fühlt, von “der Tatsache der Evolution” zu sprechen. Ob man aber weiß, was wirklich hinter all dem steckt oder nur denkt es zu wissen - da bin ich mir bis jetzt nicht sicher.

    Sicher bin ich weit davon entfernt, die Meinung zu vertreten, man solle Schülern ein kreationistisches Weltbild vermitteln. Ich denke aber schon, dass man auf Probleme und prinzipielle Fragen hinweisen sollte.

    Dass das insbesondere in Bezug auf dieses Thema nötig ist - das beweist Dein Forum.

    Frank

  2. skepticashell

    Du unterliegst einen weit verbreiteten und sicherlich ideologisch begründetem Irrtum.

    In der Wissenschaft ist die Tatsache der Evolution nicht umstritten. Nur die Mechanismen, sprich “wie genau passiert das?” sind zum Teil nicht gänzlich geklärt.

    Dieser gesunde Skeptizismus, der religiösen Lehren und Aussagen völlig fremd ist, stellt die Grundlage für die Forschungsarbeit dar und wird aus vielen Seiten als Unrechtseingeständnis gewertet.

    Natürlich kann man prinzipiell einwänden, dass wir nichts wissen und eigentlich nur ein Gehirn in der Schale sind, dass von jemandem gesteuert wird. Da dies nicht falsifizierbar ist, nichts erklärt und extrem unwahrscheinlich ist, dient es nicht als brauchbare Erklärung für irgendwas.

    Es gibt darüber hinaus keinen vernünftigen Grund, irgendeine der Schöpfungsgeschichten (oder überhaupt die überlieferten Geschichten) der gegenwärtigen Religionen als wahr anzusehen.

    Die Probleme, auf die Du hinweisen möchtest, sind daher eher wissenschaftstheoretischer Natur oder Detailfragen bzgl. der Mechanismen. Die Dinge, die von den üblichen Evoltionsgegnern ins Feld geführt werden, können regelmäßig als erfunden, widerlegt oder faktisch irrelevant bezeichnet werden. Jedenfalls hab ich noch kein gutes gehört oder gelesen.

  3. Thomas Waschke

    @skepticashell

    In der Wissenschaft ist die Tatsache der Evolution nicht umstritten. Nur die Mechanismen, sprich “wie genau passiert das?” sind zum Teil nicht gänzlich geklärt.

    diese Formulierung könnte durchaus beim Euphemismus-Wettbewerb mit guten Chancen an den Start gehen.

    ‘Evolution’ ist ein Breiwort. ‘Da draußen’ läuft etwas ab, das wir ‘Evolution’ nennen. ‘Evolution’ in diesem Sinn ist eine Reifikation wie ‘Stoffwechsel’ oder ‘Bewegung’. Man kann die Spuren dieses Vorgangs im Fossilbefund finden, in diesem Sinn ist ‘Evolution’ eine historische Tatsache, so gut belegt wie die Existenz einer jeden historischen Persönlichkeit.

    Wenn man unter ‘Evolution’ aber einen Vorgang versteht, der ohne übernatürliche Eingriffe abläuft, sieht es durchaus anders aus. Die Mechanismen sind durchaus noch strittig, und wir sind noch weit davon entfernt, einen rein naturalistischen Mechanismus für die Entstehung der Organismenwelt formulieren zu können. Die Frage, ob ein Schöpfer irgendwie an diesem Prozess beteiligt sein könnte, ist noch lange nicht geklärt.

  4. redpirate37

    *Die Frage, ob ein Schöpfer irgendwie an diesem Prozess beteiligt sein könnte, ist noch lange nicht geklärt. *

    Wir sind alle Schöpfer, es liegt an uns selbst wie die Zukunft aussehen wird. Alles andere zu glauben wäre die universelle Freiheit zu verraten.
    Also, danke für die Seiten, haben mir in vielen Diskussionen einen
    wichtigen Beitrag geleistet zu dieser Überzeugung zu stehen.

    ,,Wer so tut, als bringe er die Menschen zum Nachdenken, den lieben sie. Wer sie wirklich zum Nachdenken bringt, den hassen sie.,,

    Alsous Huxley

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