Creation and Evolution in the Schools

Card, O.S. (2006) Creation and Evolution in the Schools
URL letzter Zugriff: 26.12.2007

Es kommt ab und an vor, dass man einen Artikel liest, in dem ein Mensch, den man gar nicht kennt, das, was man selber denkt, auf eine Art und Weise formuliert, dass man fast neidisch sagt: ‘Diesen Artikel hätte ich gerne selber geschrieben!’. Ich habe selten einen Artikel gelesen, der meine Ansichten zu einem bestimmten Thema so exakt beschreibt wie der, den ich nun vorstellen will.

Zwei Dinge vielleicht vorweg: Orson Scott Card ist im Gegensatz zu mir Christ. Aber das, was er über ID und Kreationismus schreibt, deckt sich mit meinen Auffassungen, zu denen ich auf der Basis einer sehr umfänglichen Lektüre von Primärquellen aus allen drei Lagern (Kreationismus, ID und Evolutionsbiologie) und der langjährigen Beobachtung der Angriffe auf die naturalistische Evolution, einschließlich vieler Diskussionen mit Evolutionsgegnern, gekommen bin.

Außerdem geht es Card, wie schon der Titel deutlich macht, um den Schulunterricht in den USA, der mit dem in Deutschland nicht zu vergleichen ist. Hier ist es kein Problem, religiöse Inhalte in welchem Unterrichtsfach auch immer zu thematisieren. Daher muss niemand hierzulande ein pseudo-wissenschaftliches Deckmäntelchen über religiöse Inhalte breiten. Mit dem, was Card diesbezüglich schreibt, stimme ich zwar auch überein, aber das ist für das Thema, das mich eigentlich interessiert (’Wie diskutiert man am effektivsten mit Evolutionsgegnern?’) weniger relevant.

Card stellt dar, dass Kreationismus (darunter verstehe ich immer Junge-Erde-Kreationismus, YEC, der auch als ’scientific creationism’ bezeichnet wird, wie ich ihn in Waschke 2002 beschrieben habe) noch nie eine Wissenschaft war. Für ihn ist ‘creation science’ ‘a pack of pious lies’, und ‘any student who actually believed that Creation Science had anything to do with science would have been educationally crippled’. Der eigentliche Streit tobt heutzutage aber zwischen ID (was ich darunter verstehe, habe ich in Waschke 2003 beschrieben, in Abgrenzung zu Kreationismus in Waschke 2007) und ’strict Darwinists’. Darunter versteht Card eine Auffassung, die ohne hinreichende Belege zu haben, davon ausgeht, dass die Selektionstheorie Darwins, zumindest prinzipiell, die Antworten auf alle Fragen der Evolutionsbiologie schon zu liefern vermag. Implizit kommt auch zum Ausdruck, dass für diese Menschen die Selektionstheorie eine Art negativer Gottesbeweis ist.

Der Autor beklagt, dass diese Darwinisten im Prinzip genauso religiös, also ohne echte Argumente, diskutieren wie deren Gegner, die er als ‘designists’ bezeichnet. Hier ist nicht der Raum für eine ausführliche Darstellung. Ich kann Ihnen nur empfehlen, den Artikel Cards im Kontext zu lesen. Hauptkritikpunkte Cards sind, neben dem Versuch, ID und Kreationismus zu vermischen, das Nicht-Eingehen auf die inhaltlichen Argumente der ID-Vertreter. Der zentrale Punkt der Designisten ist nicht Ablehnung der Evolution, sondern die Ablehnung der Selektionstheorie (genauer, deren Anspruch, alle Fragen zumindest prinzipiell klären zu können). Es geht letztendlich darum, ob die vorgeschlagenen Mechanismen hinreichen, die Evolution zu erklären. Auf diese kritischen Anfragen kennt man noch keine hinreichenden Antworten. Daher bleibt den Darwinisten nur eine Strategie:

“They have no good answers, and yet they have an unshakable faith in Darwinism; so they fervently and vehemently attack their attackers, waging, not one side in a scientific conversation, but a crusade against those who do not treat their Prophet with enough respect.”

Zu dieser Einschätzung kommt Card auf der Basis einer kurzen, aber präzisen Darstellung der Vorgehensweise der Naturwissenschaften, die von Überlegungen zur Verwendung des Begriffs ‘Theorie’ bis hin zu den Grenzen diese Methodik reicht. Sehr treffend sind hier auch Cards Anmerkungen zum Unterschied zwischen Evolution und Darwinismus (worunter die Selektionstheorie zu verstehen ist).
Card ist aber kein Vertreter von ID, wie er im letzten Punkt, den er ‘the only correct answer to the Designists’ klar macht:

“Yes, there are problems with the Darwinian model. But those problems are questions. ‘Intelligent design’ is an answer, and you have no evidence at all for that.”[Hervorhebung im Original, T.W.]

Das trifft exakt den Punkt.

Card bekennt auch, dass er Christ ist, dass er es aber ablehnt, dass seine Auffassung in der Schule gelehrt wird. Im Original fett gedruckt ist sein Standpunkt:

“Evolution happens and obviously happened in the natural world, and natural selection plays a role in it. But we do not have adequate theories yet to explain completely how evolution works and worked at the biochemical level.”

Auf dieser Basis ist nach Cards Meinung alles behandelbar, was man in welchem Rahmen auch immer hinsichtlich Evolution lehren möchte und der Forschung werden keinerlei Steine in den Weg gelegt. Wenn Darwinisten behaupten, wir würden schon mehr wissen und die Erklärung sei Natürliche Selektion, dann vertreten sie einen Glauben, der nicht besser belegbar ist als der der Designisten. Es muss gestattet sein, auch die Reichweite der Selektionstheorie infrage zu stellen. Im Original:

“When somebody - anybody - asks hard questions of a theory, then the scientific answer is never ’shut up and go away.’ The scientific answer is, ‘Let’s see if we can find out.’”

Die Frage lautet: mit welchen Mechanismen sind die Befunde, die man hat, am besten zu erklären? Card zeigt auch auf, in welcher Form das möglich ist:

“What science does is to invent plausible stories of automatic processes by which natural events, systems, and objects come to be as we see them.” [Hervorhebung im Original, T.W.]

Ob die Selektionstheorie hinreicht, diese stories zu formulieren, oder ob noch andere Mechanismen hinzukommen müssen, wird die Zukunft zeigen.

Literatur

Waschke, T. (2002) Die Kreationisten: pseudo-wissenschaftliche Evolutionsgegner mit biblischem Hintergrund MIZ 31 (3):39-48
URL
Waschke, T. (2003) Intelligent Design: Eine Alternative zur naturalistischen Wissenschaft? Skeptiker 16:128-136
URL
Waschke, T. (2007) Moderne Evolutionsgegner - Kreationismus und Intelligent Design in: Dresler, M. Wissenschaft an den Grenzen des Verstandes. Beiträge aus den Natur- und Lebenswissenschaften Stuttgart, Hirzel S. 93-104
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2 Reaktionen zu “Creation and Evolution in the Schools”

  1. nabil

    Ein sehr guter Artkel. Im Grunde repräsentiert er den Erkenntnisstand, zu den ich in Deinem ehemaligen Forum zusammen mit dem Biologielehrer, der unter dem Pseudonym “dreisam” postete, gekommen bin.

    Es gibt also “Evolution”, die Frage ist nur, wie sie genau funktioniert. Ich sehe aber einen entscheidenden Sachverhalt, der gegen “ID” spricht: Evolution findet ja immer gerade dann statt, wenn sich Umwelteinflüsse ändern (Klimawechsel, Kontinentalverschiebung). Im Modell von “ID” würde man ja Evolutionsschübe auch unabhängig von solchen Einflüssen erwarten.

    Frank

  2. Odyssee

    Hallo Frank,

    in der Tat, ein gerade auch nach dem nun schon geraume Zeit zurückliegenden Darwinjahr lesenswerter Artikel. Die ebenso in unserer ungefähr zwei Jahre umfassenden Evolutionsdiskussion formulierte “feinporige Scheidewand” wissenschafts- und erkenntnistheoretischer Überlegungen führt m. E. exakt zu jenem seinerzeit von mir in den Blick genommenen, stärker auf die zentrale Grundfrage des Menschen nach sich selbst konzentrierten Gespräch zwischen Naturwissenschaft und Glaube. “Im Modell von `ID´ würde man ja Evolutionsschübe auch unabhängig von solchen Einflüssen erwarten” - was auf diesem Hintergrund nur abermals zeigt, daß es sich bei genanntem Konzept (vor allem in seiner klassischen Form) um eine mit Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhobene Operationalisierung platonisch abgeleiteter Typologie handelt, ob das dessen Vertreter nun bemerken oder nicht. Mit anderen Worten: ID hat als naturwissenschaftliche Alternative auch nur zur Selektionstheorie so gut wie keine Chance, im besagten Gespräch eine tragfähige Rolle zu spielen. Evolution ist eine historische Tatsache, “die Frage ist nur, wie sie genau funktioniert” - und im Rahmen insbesondere der Selektionstheorie definiert wird. Was ist Evolution demnach? Evolution ist genetischer Wandel der Individuen aller Populationen von Generation zu Generation (Ernst Mayr); als Resultante, in der Summe ergibt sie sich mithin aus ihrem wiederholten Zweischritt Variation und Selektion. Im Verlauf der Synthese der Evolutionsforschung erwies und erweist sich in diesem Zusammenhang die Ökologie meiner Einschätzung nach geradezu als Kriterium teleologischer Denkansätze, an dem das ID-Modell zum Untergang verurteilt ist wie seinerzeit die `Titanic´ am Eisberge. Nichtsdestotrotz weisen die in unseren Diskussionseinheiten genannten Indikatoren einer causa prima umso dringlicher auf entsprechende Modelle in Naturphilosophie und Schöpfungstheologie hin, die durchaus im Anschluß an bereits unter Einbeziehung gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse formulierte Ansätze in einem neujustierten Lösungsversuch grundlegendster Fragestellungen erarbeitet werden könnten.

    Liebe Grüße,

    Odyssee

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